Wertschöpfung auf den Bauernhof zurückholen
Es gibt gute Gründe, warum es die Landwirtschaft in der Schweiz braucht. Ein Hauptgrund sei die Versorgungssicherheit, führte Binswanger in seinem Referat aus. Als weitere Gründe führte er die gesunde Ernährung, die Kulturlandpflege, die Biodiversität, die Berücksichtigung des Tierwohls und die dezentrale Besiedelung auf. Rein ökonomisch gesehen habe die Landwirtschaft in der Schweiz keine Daseinsberechtigung, zu tief sei die Wertschöpfung pro Beschäftigten, zu hoch die Opportunitätskosten und aufgrund der hohen Produktepreise ist man auf dem Freihandel nicht konkurrenzfähig, analysierte Binswanger messerscharf.
Wirtschaftlich überleben können die Schweizer Landwirtschaft eigentlich nur aufgrund des Grenzschutzes und der Direktzahlungen, welche der Agrarpolitik zu verdanken seien, so Binswanger. Der Grundstein für die Agrarpolitik wurde während des ersten Weltkriegs und in den Folgejahren gelegt, als eine Hungersnot in der Schweiz herrschte. Binswanger zeigte auch auf, dass die Landwirtschaft am Markt bessere Produktepreise erwirken müsse. Der Konsumentenpreis für Nahrungsmittel und der Produzentenpreis klaffe immer weiter auseinander und der Anteil der Landwirtschaft am Konsumentenfranken betrage nur noch rund einen Drittel. Ein wichtiger Grund für diese negative Entwicklung sei die Marktmacht des Lebensmitteldetailhandels. Binswangers jüngste Studie im Bereich des Labelfleischmarkts hat aufgezeigt, dass der Anteil der Wertschöpfung vor allem beim Handel ansteigt, je höher der Produktestandart ist. Am Beispiel von Hinterschinken vom Schwein (siehe Abbildung) wurde festgestellt, dass der Handel beim tiefen Standard rund ein Drittel der Wertschöpfung für sich beansprucht und der Landwirtschaft 20% bleibt. Der andere Teil, 45% der Wertschöpfung bleibt beim Verarbeiter. Beim Biostandart bleiben gerade nur noch 14% beim Landwirt während der Handel satte 65% der Wertschöpfung für sich beansprucht und die restlichen 21% der Verarbeiter einstreicht. Diese Tatsache sei ein Hauptgrund dafür, warum der Labelmarkt nicht stärker wachse; die unverhältnismässige Abschöpfung von Verarbeiter und Handle führe zu sehr hohen Preisen im Premiumsegment und der tiefe Wertschöpfungsanteil bei den Produzenten animiere nicht zur Ausdehnung der Produktion. Hier sei die Wettbewerbskommission gefragt, damit dieser Missstand korrigiert werden könne, erklärte Binswanger.
Gemäss Kartellgesetz könnten die Wettbewerbsbehörden dank des neuen Konzepts der relativen Marktmacht die Margen grosser Detailhandelsunternehmen prüfen. Binswanger erwähnte in seinem Referat zudem noch weitere Möglichkeiten für die Landwirtschaft, mehr Wertschöpfung zu generieren. So etwa die Direktvermarktung, welche aber hinsichtlich der Menge und anderseits aufgrund der Lage des Betriebs und weiteren Faktoren begrenzt sei. In der Diskussion wurde dann vor allem die Preisverhandlungen der Landwirtschaftsbranche mit den Abnehmern in den Fokus gerückt. Ein Hauptziel dieser Verhandlungen muss sein, die Preisforderungen so durchzusetzen, dass die Produktionskosten gedeckt werden können und die Weiterentwicklung der Bauernbetriebe und der ganzen Branche gewährleistet werden kann.
09.03.2023 / SOBV


